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ie Psychologie hat mit Cherophobie ein Wort kreiert, welches eine scheinbar paradoxe Angst beschreibt: die Angst, glücklich zu sein. Bei diesen Menschen wirkt es so, als würde sie das Glücklichsein unglücklich machen. Doch was steckt dahinter? Wieso wehren sich Cherophobiker, glücklich zu sein?

Glücklich sein macht unglücklich: die Fear of Happiness

Sonja hat ihre Uniabschlussprüfung mit Bravour bestanden. Ihre Oma reicht ihr unter Freudentränen einen goldenen Ring, den sie selber zu ihrer Uniprüfung erhielt. Eigentlich dürfte Sonja nun im Glückstaumel sein. Doch das ist sie nicht. Sie lächelt aus Freundlichkeit ihre Oma an, aber das Gefühl des Glücks will sich in ihrem Herzen nicht einstellen.

Stattdessen nagen Zweifel und Befürchtungen unterbewusst an ihr: Habe ich das verdient?

Wann wird es mich verlassen? Wann kommt das nächste Schlechte auf mich zu? Werden mir Freunde und Geschwister den Erfolg neiden? Darf ich überhaupt glücklich sein?

Auf das erste Gefühl der Freude folgt bei Menschen wie Sonja das Gefühl, sich Sorgen machen zu müssen. Sie befürchten, es rasch zu verlieren und sogleich im nächsten Gefühlstief zu landen. Diese Angst vor dem Glücklichsein ist gar nicht so selten, wie manch einer denken mag. Einige dieser Menschen haben deswegen gar Depressionen entwickelt, da sie Freude und Genuss konsequent negieren.

Erklärungsversuche für die Angst vor dem Glücklichsein

Experten rund um den Globus versuchen, die Angst vor dem Glücklichsein zu erklären. Hier sind ein paar ihrer Erklärungen:

  1. Glücklich zu sein, erhöht meine Wahrscheinlichkeit, dass ein seelisches Tief folgt.
  2. Es ist unmoralisch, glücklich zu sein.
  3. Mein Glücklichsein zu zeigen, fördert die Distanz zu Mitmenschen.
  4. Es tut mir nicht gut, nach dem Glücklichsein zu streben.

Ob diese Erklärungen stimmen, sei dahingestellt. Gesichert ist jedoch, dass Bedenken wie diese in der Regel bereits in der Kindheit entstehen.

Menschen mit der „Fear of Happiness“ wurden als Kind oft enttäuscht.

Sie freuten sich häufig auf etwas, was dann doch nicht eintrat. Andere sind oft von Eltern oder anderen Autoritäten bestraft worden, sobald sie sich freuten. Manchmal fühlten sie sich auch aus moralischen Gründen schuldig, wenn Glücksgefühle hochkamen. Sie können nicht ohne schlechtes Gewissen glücklich sein. Ein Beispiel: Ein Kind hat einen behinderten Bruder. Es schämt sich Freude zu zeigen, da es dem kranken Bruder so schlecht geht.

Die Angst vor dem Glück kann kulturell begründet sein

Unsere kulturellen Werte und Normen prägen unser Leben – und Gefühlsleben. Das trifft auch auf die Angst vor dem Glück zu. So wird das Konzept des Glücks von unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich definiert. Eine Studie mit chinesischen und US-amerikanischen Probanden offenbart dies. Sie zeigt, dass Chinesen eher damit rechneten, dass ihr Glück im Leben schwanken würde. Vermutlich begründet sich dies in Chinas Taoismus. Nach der philosophischen Schule befindet sich alles im Wandel, was somit auch das eigene Glück betrifft.

Eine andere interkulturelle Studie legt die Vermutung nah, dass die Glücksangst insbesondere in den Kulturen stärker vorhanden ist, in denen mehr Wert auf Konformität gelegt wird. In Japan beispielsweise scheinen die Menschen mehr Sorge vor dem Neid des anderen zu haben als in den USA, weswegen Freude bewusst gedämpft wird.

Akute Glückszustände zu unterdrücken mindert die Lebenszufriedenheit

Worin sich letztlich die Angst vor dem Glück auch begründen mag, sie hemmt die Lebenszufriedenheit entscheidend. Freude ausdrücken und Glückszustände genießen zu können, ist wichtig.

Wer Hochgefühle fürchtet und deswegen bewusst dämpft, hat insgesamt im Leben ein geringeres Wohlbefinden.

Doch hierbei darf der Mensch als Individuum nicht vergessen werden. Es gibt Menschen, die legen auf Glücksgefühle nicht so viel wert wie andere. Für sie mindert sich die Lebenszufriedenheit somit weniger als für solche, die Glücksgefühle einen hohen Stellenwert beimessen, auch wenn sie es sich selber nicht zugestehen können.

Sich Glücksgefühle zutrauen

Hast du Angst vor dem Glücklichsein und leidest darunter? Dann besteht Handlungsbedarf. Du solltest etwas dagegen tun, denn wenn du lernst Genuss zu empfinden, führst du ein glücklicheres Leben. Um das zu erreichen, bedarf es jedoch Zeit. Sich gegen das Glücksempfinden zu wenden, ist immerhin antrainiert. Dieses „Gelernte“ wieder zu verlernen, ist ein umfangreicher Prozess. Dafür ist es unerlässlich, dass du dich mit dir selbst auseinandersetzt. Du musst dir dieser „Eigenart“, dich gegen das Hochgefühl zu wehren, bewusst werden. Im nächsten Schritt ist Selbstkontrolle gefragt, um die Freude zuzulassen. Dies klingt widersprüchlich, ist es aber nicht.

Hilfreich ist ferner, die Ursache für das Dämpfen der Glücksgefühle zu hinterfragen. Warum möchtest du sie nicht? Was oder wer hindert dich daran? Weißt du, was bei dir individuell dahintersteckt, kannst du besser gegen den Drang, Glücksgefühle zu mindern, arbeiten. Mit der Zeit fällt es dir immer leichter, Glücksgefühle zuzulassen.

Fürchte dich nicht vor dem Glück. Trau es dir zu und genieße es!

Im Hinterkopf darfst du natürlich den Gedanken behalten, dass es im Leben auch schlechte Zeiten gibt. Sich dessen bewusst zu sein, schützt dich vor falschen Erwartungen. Nur sollte Deine Aufmerksamkeit nicht dauernd darauf liegen. Stattdessen gilt: Wer das Unglück im Leben ebenso mit einplant wie das Glück, gewinnt an Gelassenheit. Gelassenheit ist ein wichtiger Baustein für ein grundsätzliches Gefühl von Zufriedenheit im Leben.

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Photo by ActionVance on Unsplash

Publiziert am 
Oct 5, 2020
 in Katgorie
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